Reflexion: Modellierung

Beim ersten Termin haben wir uns ausführlich mit der Modellierung (Anwendungsfälle, Aktivitätsdiagramme, Klassendiagramme) von Prozessen beschäftigt. Dabei haben wir einfache Gesellschaftsspiele wie etwa Memory und Mensch-ärgere-dich-nicht analysiert und Teile davon nachkonstruiert, um einen ersten Bogen zwischen Alltagswelt der KursteilnehmerInnen und Softwareentwicklung zu spannen.

Der erste Termin konnte glücklicherweise noch vor Ort in den Räumlichkeiten des COOL Lab stattfinden, sodass ich die SchülerInnen zumindest einmal persönlich begrüßen durfte. Es handelt sich um eine Gruppe von Mädchen und Jungs zwischen 11 und 14 Jahren, die über Talente OÖ in meinen Kurs gelangt sind. Die Teilnahme läuft auf freiwilliger Basis ab, da es sich bei meinem Spielentwicklungsworkshop um ein außerschulisches Kursangebot handelt. Das erste Treffen haben wir zum gegenseitigen Kennenlernen genutzt. Ich war schon etwas neugierig, muss ich zugeben, was es bedeutet hochbegabt zu sein, wollte den TeilnehmerInnen aber auch nicht das Gefühl geben, dass ich sie darauf reduziere, weswegen ich das Thema eher vermieden habe bzw. nur indirekt einmal erwähnt habe. Also ich muss zunächst einmal sagen, dass mir die Gruppe sehr sympathisch war und mir eigentlich ganz gewöhnlich im positiven Sinne vorgekommen ist, d. h. sie haben genauso das Bedürfnis, auf Beziehungsebene angesprochen zu werden/dass sich jemand sie und ihre Interessen interessiert, wie gewöhnlich-begabte Menschen. Außerdem kommen die TeilnehmerInnen alle aus unterschiedlichen Schulen, kenne sich also nicht und diese Mischung aus Unsicherheit und Bedürfnis nach sozialer Einbindung ist mir auch gleich aufgefallen. Wie gesagt, rein äußerlich also eine ganz gewöhnliche Truppe von Kindern, mit denen es Spaß macht zu arbeiten.

Was mir dann aber schon aufgefallen ist, und dieser Eindruck hat sich im Laufe des Kurses bestätigt, ist das Durchhaltevermögen, die Kreativität und schon auch etwas die Schnelligkeit in der Auffassungsfähigkeit. Z. B. habe ich schon öfter Einheiten zu Modellierung gemacht, und war immer zufrieden, wenn die TeilnehmerInnen ein einfaches Klassendiagramm und Aktivitätsdiagramm erschaffen konnten. So habe ich auch hier auf relativ einfache Beispiele zurückgegriffen, und nur nebenbei Elemente wie Vererbung, Aggregation etc. erwähnt. Schon bei der ersten Übung, wo sie einfache Klassendiagramm auf Basis von Bildern erzeugen sollten, war ich jedoch überrascht, wie elaboriert die Ergebnisse waren. Zwei Beispiele: Ein Junge hat mehr oder weniger fehlerfrei ein ganzes Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel als Klassendiagramm gezeichnet, und ein Mädchen ein komplexes Diagramm mit ausgefeilten Vererbungsstrukturen zu Pferden, das Linné vor Neid erblassen lassen hätte. Die Kinder haben also im Großen und Ganzen, obwohl nur nebenbei erwähnt, auch komplexere Aspekte der Modellierung auf Anhieb verstanden. Bei den Aktivitätsdiagrammen, die ins algorithmische Denken einführen sollten, haben sie gleich einige Fehler an einem (bewusst mit Fehlern ausgestatteten) Aktivitätsdiagramm gesehen, noch ehe ich erklären musste, wie das ganze überhaupt funktioniert. Im Stationenbetrieb haben wir dann gruppenweise Memory und Mensch-ärgere-dich-nicht modelliert, was auch reibungslos funktioniert hat. Während einige lieber Abläufe aus ihrem Alltag modelliert haben, hatten andere großen Spaß daran, Spielzüge aus bekannten Brettspielen nachzumodellieren, und einige Lösungen waren wirklich erstaunlich gut. Die Teilnehmer waren extrem motiviert, also das Analysieren von Problemen und das Entwerfen von Lösungen macht ihnen offensichtlich großen Spaß, denn sie haben sehr konzentriert gearbeitet und waren dann sehr erpicht darauf, mir ihre Lösungen zu zeigen und Feedback dazu zu erhalten, was mich auch ganz schön ins Schwitzen gebracht hat. Die Doppelstunde war leider sehr schnell vorbei.